Feb
22


Unübersehbar werden die mobilen Bürgerinnen und Bürger an den Tankstellen zu Kasse gebeten. Deshalb wird aktuell nach einer plausiblen Antwort auf das Rekordhoch beim Öl-Preis in der EU gesucht. Experten sehen die Ursache nahezu ausschließlich in der weltweiten Ölnachfrage, die auf weiterhin konstant hohem Niveau liegt.


Vorgeschoben sind aus Sicht der Analysten Behauptungen für dieses hohe Preisniveau, die in der Aussage wurzeln, die iranische Regierung habe durch eine Aussetzung der Öl-Lieferungen nach Frankreich und Großbritannien im Vorgriff auf das Öl-Embargo der EU, welches ohnehin erst mit Wirkung zum 01.07.2012 greift, diesen Preisanstieg bewirkt.

Richtig ist vielmehr, dass die Energieunternehmen der Öl-Branche im Rahmen der staatlich geduldeten Kartellbildung den Preis schlicht und einfach auf hohem Niveau belassen, um jetzt enorme Gewinnmitnahmen zu realisieren. Unsere Gesellschaften, die auf Mobilität aufbauen und angewiesen sind, müssen diese hohen Preise bezahlen, ob sie nun wollen oder nicht. Der Iran hat damit nichts zu tun, denn die Tankerflotten auf ihren internationalen Seewegen, die vor der Verlautbarung des Iran zum Boykott der Lieferung nach Europa ausgelaufen sind, haben noch nicht einmal ihre Entlade-Stationen an den internationalen Seehäfen der EU erreicht, sondern sind noch auf See.

Großbritannien selbst unterhält einige Förderstationen in der Nordsee und ist auf Öl-Importe aus dem Iran nicht angewiesen, könnte beispielsweise norwegisches Öl nachkaufen, soweit dies erforderlich sein sollte. Total S.A. in Frankreich erklärte bereits im Januar 2012, sich an den Embargo-Beschluss der EU zu halten und hatten umgehend seine Importe sowie Zukäufe aus dem Iran bereits gestoppt (etwa 80.000 Barrel pro Tag). Der größte italienische Öl- und Gaskonzern Eni will seine Kapazitäten in Libyen in der zweiten Jahreshälfte wieder voll ausschöpfen. Schon jetzt habe die Ölförderung in dem Land wieder vier Fünftel des Vorkriegsniveaus erreicht, teilten die Italiener mit. Demnach kann es folgerichtig nicht an einer künstlichen Verknappung der Öl-Ressourcen an den Märkten liegen.

Für die Öl-Konzerne bietet dies Szenario um das Öl-Embargo gegen den Iran offenbar die passende Ausrede, um bei den sich jetzt bietenden Gelegenheiten schlicht und Einfach große Gewinnmitnahmen realisieren zu können, was offenbar ganz gut funktioniert. Für die Öl-Konzerne liegt das Geld im wahrsten Sinne des Wortes auf der Straße.

Die Allmacht des Rohöls bleibt ungebrochen. Es rangiert unangefochten auf Platz 1 der bedeutendsten globalen Energieträger. Der Ölpreis ist damit einer der wichtigsten Faktoren für die globale Wirtschaft und zugleich mit Abstand der wichtigste Wert an den Rohstoffmärkten. Das US-Investmenthaus Goldman Sachs beziffert den Anteil von Rohöl am weltweiten Produktionsvolumen sämtlicher Rohstoffe auf fast 45 %. Damit gilt Rohöl als der mit Abstand wichtigste Rohstoff der Welt.

Aktuell getrieben wird der Ölpreis sowohl von der steigenden Nachfrage in Schwellenländern, als auch von dem knappen Angebot. Aufstrebende Industriestaaten wie China, Indien und Lateinamerika stützen somit mit ihrem Wirtschaftswachstum und ihrem einhergehenden höheren Energieverbrauch den Ölpreis. Jedoch bleibt ein gesteigertes Angebot aus, da es in den letzten Jahren immer schwieriger wird neue Ölvorkommen zu erschließen. Demzufolge ist der Ölpreis für die weltwirtschaftliche Entwicklung von größter Bedeutung. Die für Europa wichtigste Rohölsorte Brent ist nach dem gleichnamigen Nordsee-Ölfeld benannt. Das leichte Brent-Rohöl gelangt von der Nordsee aus über eine Unterwasserpipeline zum Ölterminal Sullom Voe auf Mainland, Shetland und wird per Tanker weiter transportiert. Wichtig zu wissen ist, dass aufgrund der Abhängigkeit zur regionalen Nachfrage der Ölpreis in (für) Europa und in (für) Amerika unterschiedlich teurer ausfallen kann.

Der Ölpreis und damit die Preisfindung lässt sich in einem gewissen Umfange steuern: beispielsweise bei schwache Konsumzahlen aus Europa oder den USA, zudem eine abkühlende Weltkonjunktur, bewirkt unter einer teilweisen Freigabe von strategischen Öl-Reserven (in Europa oder den USA) eine Preiskorrektur nach unten. Andererseits lässt sich durch ein Herunterfahren der Fördermengen durch die rohölexportierenden Staaten (insbesondere der OPEC) der Ölpreis (künstlich) nach oben steigern.

Bereits im Januar 2012 prognostizierte der französischen Mineralölkonzerns Total S.A. mit Hauptsitz in Courbevoie keine empfindlichen Verwerfungen auf den Märkten und beim Ölpreis wegen des EU-Embargos gegen den Iran. Das Öl werde anderweitig verkauft, erklärte Konzernchef Christophe de Margerie am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos in einem kurzen Statement. Dadurch komme es nicht zu einer Verknappung der Öl-Mengen an den Weltmärkten.

Für einige Analysten liegt der Grund für die Preistreiberei der Öl-Industrie auf der Hand: Vor allem im Geschäft mit Raffinerien, im Marketing und Vertrieb kämpfen die Öl-Konzerne mit sinkenden Margen. Im sogenannten Downstream-Geschäft vergrößerte sich der Verlust beispielsweise beim italienischen Eni-Konzern (Agip) im Schlussquartal von 39 Millionen auf 271 Millionen Euro. Ähnlich wie Eni hatten zuvor bereits Total, Exxon und ConocoPhillips rückläufige Margen in ihrem Raffinerie-Geschäft vermeldet. Diese Verluste sollen über den hohen Endverbraucherpreis wieder wett gemacht werden.

Mit über 121,25 US-Dollar für ein Fass Nordseeöl (Brent Crude Oil) hat der Öl-Preis zwar heute, 22.02.2012, leicht nachgegeben, bilanziert allerdings weiterhin auf einem sehr hohen Gesamtniveau, Tendenz Niveau-halten oder Steigen. In der Rückschau betrachtet lag das bisherige Jahrestief beim Rohöl bei knapp 94 US-Dollar je Barrel und das Jahreshoch bei 127 US-Dollar im Jahr 2011. Das Weltmarktniveau beim Ölpreis lässt keinen Weg nach unten offen – konstatieren Analysten. Während der US-Verbraucher an der Tankstelle derzeit weniger als 4 US-Dollar pro Gallone bezahlt, etwa ein Euro pro Liter, können die Bürgerinnen und Bürger in der EU von diesem Billig-Sprit nur träumen. Tanken bleibt demnach in der EU weiter teuer und wird in Zukunft noch teurer werden.

Sandro Valecchi, Analyst

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